Planungsgeschichte des Gebiets

Die Karl-Marx-Allee umfasst zwei Bauabschnitte: Den I. Bauabschnitt, der von der Proskauer Straße bis zum Strausberger Platz reicht, und den II. Bauabschnitt, der sich vom Straußberger Platz bis zum Alexanderplatz ausdehnt. Während der I. Bauabschnitt als erste „sozialistische Straße“ im Stil der sogenannten „Nationalen Traditionen“ errichtet wurde und vor allem durch Historismus und Prunk besticht, zeugt der II. Bauabschnitt eindrücklich vom Wandel des DDR-Regimes in den 1960er Jahren hin zur sozialistischen Moderne. So ist zwischen 1959 und Mitte/Ende der 60er Jahre der „erste sozialistische Wohnkomplex“ entstanden. Geprägt wird der II. Bauabschnitt von den Planungsidealen der damaligen Zeit – einer strengen Orthogonalität und Funktionentrennung sowie der industriellen Fertigungsweise.

Im Wettstreit um die beste Staatsform lieferten sich Ost und West in den 50er Jahren auch ein Rennen um den besten Städtebau. So reagierte die DDR auf die städtebaulichen Entwicklungen im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 im Westberliner Hansaviertel. Dort sollte die neue Moderne mit einer „freiheitlichen Ordnung“ demonstriert werden. Im Kontrast dazu wollte die DDR ihr eigenes Prinzip der sozialistischen Moderne verwirklichen. Die Wohnungs- und Materialnot Anfang der 50er Jahre machte zudem eine Neuorientierung im Wohnungsbau der DDR notwendig. Die Umstellung auf eine industrielle Produktion, war aber nicht nur eine bautechnische Entscheidung um dem Wohnungsmangel zu begegnen, sondern auch eine politisch-ideologische Entscheidung. Im Politikverständnis der SED spielte die Architektur eine wichtige Rolle, um sich im Wettkampf um den besseren Staat vom Westen abzugrenzen.

Zwei wichtige Beschlüsse des Zentralkomitee der SED ebneten damals den Weg für das Wohngebiet Karl-Marx-Allee, II. Bauabschnitt. Zum einen der Beschluss über die Weiterverfolgung der Theorie des Wohnkomplexes. Zum anderen der Beschluss der Berliner SED-Bezirksleitung 1957, „systematisch an den Aufbau des Stadtzentrums heranzugehen und mit der Fortführung der Stalinallee in Richtung Alexanderplatz sowie dem Wohnungsbau nördlich und südlich davon bereits 1958 zu beginnen“. Diese zunächst unabhängig voneinander getroffenen Beschlüsse sollten innerhalb kürzester Zeit den Beginn der Arbeiten an dem neuen Wohngebiet einläuten.

Noch im Herbst 1958 wurde kurzfristig ein Wettbewerb ausgelobt, zu dem sieben Kollektive eingeladen waren. Darunter zumeist namenhafte Architekten aus der DDR. Ausgewählt wurden die Entwürfe von Werner Dutschke und Edmund Collein, die gemeinsam auch mit der endgültigen Ausarbeitung beauftragt wurden. Ihr gemeinsamer Bebauungsvorschlag, in dem die erhaltungswürdigen Altbauten berücksichtigt wurden, enthält 5.266 Wohneinheiten für 16.100 Einwohner (Masterplan). Das von Bezirk und Magistrat bestätigte Projekt wird im Oktober 1959 vorgestellt. Es enthält als wichtigen Bestandteil Aussagen über das Verfahren zu seiner Herstellung. So werden Typenprojekte der einzelnen Gebäudetypen QP59 entwickelt, ein Freiraumkonzept erarbeitet, Materialität und Farbe des Gebiets festgelegt, Handels- und Infrastrukturkonzepte, Überlegungen zu den Standorten derSchulen und Kindergarten sowie Verkehrskonzepte (öffentlich und privater Verkehr) erstellt.

1959 erfolgte die Grundsteinlegung, ein Jahr später begann die Montage der ersten Großplatten.