Weiterbauen!

Es ist ein ambitioniertes Vorhaben: eine Planungsgeschichte der 1960er Jahre fortzusetzen unter heutigen Bedingungen. Es geht um die frei stehenden Pavillons nördlich und südlich der Karl-Marx-Allee: Insgesamt elf solcher Pavillons sahen die städtebaulichen Entwürfe von Josef Kaiser und Werner Dutschke und der Bebauungsplan von 1959 vor. Gebaut wurden letztlich jedoch nur sechs davon: zwischen Strausberger Platz und U-Bahnhof Schillingstraße. Dazu gehörten u.a. die damalige legendäre Mokka-Milch-Eisbar neben dem Kino International, der Salon »Babette« neben dem Cafe Moskau (heute Bar und Veranstaltungsort) und der Pavillon am U-Bahnhof Schillingstraße (heute »Camp 4«). Sie sollten – neben Sonderbauten wie dem Kino International, dem Cafe Moskau und dem Hotel Berolina – für etwas Weltstadtflair sorgen und mit attraktiven, überregional interessanten Angeboten zum Flanieren an der Magistrale einladen. Doch die ursprünglichen Planungen, nämlich der Bau weiterer Pavillons zwischen Schillingstraße und Alex inklusive eines Pavillons, der den U-Bahnhof Schillingstraße wie eine Passerelle aufnimmt, wurden aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr realisiert. Der Bezirk Mitte und das Land Berlin knüpfen daran nun wieder an: In der städtebaulichen und typologischen Logik sollen entlang der Allee bis zur Einmündung zum Alex weitere sechs Pavillons errichtet werden, zweigeschossig, in der charakteristischen Transparenz mit großzügigen Glasfassaden. Sie sollen jedoch keine simple Kopie der bestehenden Pavillons sein, sondern moderne, zeitgemäße Interpretationen, die aber in der Form »Familienähnlichkeit« erkennen lassen, wie es Landeskonservator Jörg Haspel formulierte. Noch vor 20 Jahren hätte das niemand für möglich gehalten – damals ging es vor allem darum, die Bestände der heftig angefeindeten Nachkriegsmoderne zu retten. Insbesondere dem Bezirk Mitte und dem Landesdenkmalamt ist es zu verdanken, dass das Gebiet KMA II mit einer Erhaltungssatzung unter Schutz gestellt und in das Förderprogramm »Städtebaulicher Denkmalschutz« aufgenommen werden konnte. Dass nun nicht nur die Entwürfe des »Planwerks Innenstadt« von 1996 (ein »Horrorszenario« nennt es die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher) für diesen Ort ad acta gelegt wurden, sondern das Gebiet in seiner Charakteristik wertgeschätzt wird und respektvoll weiterentwickelt werden soll, ist ein Erfolg, den man nicht hoch genug schätzen kann. Denn endlich, so Regula Lüscher, habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die KMA II »Heimat für viele Menschen, im Sinne der Identifikation« ist.

Warum neue Pavillons?
Die neuen Pavillons sollen die bislang eher öde »Durststrecke« (wie es Jörg Haspel nennt) zwischen Alexanderplatz und Schillingstraße für Passanten wieder attraktiver machen. Gleichzeitig sind sie Bindeglied zwischen der Allee als übergeordneter Magistrale und den nördlich und südlich dahinter liegenden Wohngebieten. Aber städtebauliche und architektonische Aspekte sind das eine– entscheidend werden letztlich die Nutzungen sein: Bezirk und Land wünschen sich hier öffentliche, zumindest öffentlich zugängliche attraktive Nutzungen, etwa Kultur oder Bildungsangebote. Ein Stadtteilzentrum wäre großartig, denn es fehlt an öffentlichen, multifunktionalen Räumen und Treffpunkten im Gebiet. Keinesfalls sollen die Pavillons rein kommerzielle Showrooms werden oder Exklusivräume wie das Cafe Moskau. Und bestimmte Nutzungen sind schon durch die charakteristische, sehr transparente Architektur mit großen Schaufenstern ausgeschlossen. Doch das sind wiederum ökonomische Fragen, denen sich auch der Bezirk stellen muss, wenn er denn gemeinnützige öffentliche Nutzungen will. Bauherrin soll die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) sein – die wiederum wird, wenn sie denn baut, darauf achten, dass auch ein Mindestmaß an Wirtschaftlichkeit gewährleistet ist: Die WBM ist zwar eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, aber kein Wohltätigkeitsverein.

Das Verfahren, die Beteiligten
Der Bezirk Mitte hatte sich dafür entschieden, die Entwicklung der Pavillons nicht mit einem herkömmlichen Architekturwettbewerb zu beginnen, sondern mit einem Werkstattverfahren, zu dem sechs Architekturbüros eingeladen wurden. Im Unterschied zu einem Wettbewerb geht es hier nicht um konkurrierende Entwürfe, sondern darum, in gemeinsamen Diskussionen mit Gutachtern und Experten Lösungen zu erarbeiten. Vorgesehen waren dafür zwei Werkstatt-Termine sowie ein dritter im Frühjahr 2018, bei dem die favorisierten Lösungen der Öffentlichkeit vorgestellt und debattiert werden sollen. Zum Werkstattverfahren waren die Architekturbüros MGHS, Brandlhuber, Kawahara Krause, Brenne, AFF und Herzog & de Meuron eingeladen (letztere sagten jedoch ab). Zu den geladenen Gutachtern gehören u.a. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, Landeskonservator Jörg Haspel, Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe, die Leiterin des Stadtplanungsamtes Kristina Laduch, Jan-Robert Kowalewski als Geschäftsführer der WBM sowie Thomas Flierl, der als Projektkoordinator die gemeinsame UNESCO-Welterbe-Bewerbung für Karl-Marx-Allee und Hansaviertel begleitet (Projekttitel: »Doppeltes Berlin«), sowie Architekturexperten. Des Weiteren begleiten zahlreiche Sachverständige das Werkstattverfahren: Mitarbeiter der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, des bezirklichen Stadtplanungsamtes, des Straßen- und Grünflächenamtes, des Büros KoSP als Gebietsbetreuer, der Oberen und Unteren Denkmalschutzbehörde und der WBM. Last not least: Auch der Nachbarschaftsrat der KMA II ist mit einem Vertreter beteiligt.

Erste Werkstatt. Viele Fragezeichen.
Die erste Werkstatt fand im Oktober statt, es moderierte der Architekturkritiker und ausgewiesene Moderne-Experte Wolfgang Kil. Doch bei der Veranstaltung kristallisierte sich schnell heraus, dass es bei den eingeladenen Architekturbüros zu Irritationen hinsichtlich der Erwartungen an sie gekommen war: Ging es hier nur darum, Pavillon-Entwürfe nach vorgegebenen Eckdaten und Kubaturen (Höhe, Breite, Tiefe) zu entwickeln? Ging es nur um Gebäude-Schenkellängen, L- oder T-Formen und Abstandsflächen? – Bald zeigte sich in der Debatte, dass es grundlegenderen Gesprächsbedarf gab: nämlich über die Funktion und Einordnung der Pavillons im öffentlichen Raum und die stadträumlichen Bezüge. Wie verhalten sich beispielsweise die Pavillons zu den umliegenden Wohnbauten? Auf die Vielzahl der Fragezeichen reagierte das bezirkliche Stadtplanungsamt umgehend, indem es einen zusätzlichen Termin im Verfahren einräumte. Und so wurde beim zweiten Treffen Anfang Dezember – nach einer ausgiebigen Vor-Ort-Besichtigung des Bestandes – vor allem über die Verortung und Anbindung der künftigen Pavillons im öffentlichen Raum gesprochen.

Zweite Werkstatt. Viele Aspekte.
Dabei zeigten sich selbst anfängliche Skeptiker des Verfahrens überrascht: Denn die beteiligten Büros hatten in den Wochen zwischen der ersten und der zweiten Werkstatt intensiv am Thema gearbeitet und brachten mit ihren neuen Überlegungen und Entwürfen ganz unterschiedliche Herangehensweisen, Interpretationen, Argumente und Aspekte in die Debatte ein, was zu einer überaus produktiven Debatte führte. Als städtebaulich besonders schwieriger Punkt erweisen sich dabei die geplanten Pavillons am Haus des Lehrers und vor dem Haus der Statistik, die den Eingang zum (oder vom) Alex markieren sollen.

Aber es geht ja nicht nur um architektonische oder städtebauliche Fragen, auch die Gegebenheiten des Umfelds müssen berücksichtigt werden: Untergründe, komplizierte Leitungssysteme, Baumbestand, Wegeverbindungen, die fertiggestellten Verkehrsplanungen für die Karl-Marx-Allee, die umliegenden Wohnungen. Was ist beispielsweise mit der zugeschütteten Unterführung am Alexanderplatz, könnte man diese wieder öffnen? Und was ist mit den Bäumen an jenen Stellen, wo die neuen Pavillons errichtet werden sollen? Wo der Chefarchitekt Josef Kaiser in den 1960er Jahren kategorisch erklärt hatte, er möchte entlang der Allee bitteschön kein »Gemüse« haben, setzten sich damals doch selbstbewusste Bürger und Erstbezieher der KMA II durch, die Straßenbäume forderten. Auch dieser Bestand muss berücksichtigt werden. Die Frage der Nutzungen und der Wirtschaftlichkeit steht weiter im Raum. Zu klein, so die WBM, dürfen die neuen Räume nicht konzipiert werden. Zu groß aber auch nicht. Ideal und Wirklichkeit haben hier noch einen ganz schön weiten Weg der Annäherung vor sich.

 Der Textbeitrag wurde dem 2. KM-Magazin (Januar 2018) entnommen.